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29. Bol d´Or 1957 Abschrift aus Zündapp-Streiflichter Nr. 7/1957
Abb 1: Start; es geht sofort hinaus auf den 12,5 km- Straßenkurs. Die rechts im Hintergrund zu sehende, östliche der beiden Steilwandkurven wird bei diesem Rennen nicht befahren. Bei dem berühmten 24-Stunden-Rennen, das am Samstag, 1. Juni 17.01 Uhr, auf der Montlhery-Rennstrecke begann, gelang es Zündapp erstmals in der 28-jährigen Renngeschichte des Bol d´Or mit drei Maschinen in drei Klassen zu siegen. Nach einem erbitterten Kampf um Runden und Sekunden siegten in der Klasse Serienmaschinen bis 250 ccm Richard Hessler, Lauf, mit Gert Lohse, Hamburg. In der 250 ccm-Sportmaschinenklasse die beiden französischen Fahrer Niedermann und Court und in der Seitenwagenklasse über 350 ccm Werner Kritter, Heilbronn, mit Co-Pilot Louis Francois, Paris. Hier der dramatische Bericht. 17.01: Massenstart der 53 Maschinen auf die 24-Stundenreise rund um die Montlhery-Bahn bei einer Rundenlänge von 6,3 km und einer zu erwartenden Leistung von ca. 2500 km Fahrstrecke, das sind etwa 433 Runden. 18.30: Die Velocette von Nebout ist bereits wegen Benzinmangels irgendwo auf der Strecke liegengeblieben, wahrscheinlich gleich hinter "Start und Ziel". 20.00: Riesenaufregung vor den Boxen! Plötzlich steigt eine gewaltige Flamme gen Himmel. Der Fahrer Nr. 30 auf einer 250-ccm-Peugeot hat beim Tanken vor den Boxen seinen Motor nicht abgestellt und so geht alles in Flammen auf. Die Männer von der Feuerwehr leisten ganze Arbeit. 21.15: Francois, der Co-Pilot von Kritter kommt schiebend aus der Steilkurve und schafft die letzten Meter bis zur Boxe nur noch mit zusammengebissenen Zähnen unter Aufbietung aller Kräfte. Er hatte sich offenbar etwas zuviel vorgenommen und wollte Kritters Rundenzeiten unterbieten, dabei überschlug er sich in einer Kurve. Der rechte Zylinderkopf ist schwer beschädigt und wird in 10,5 Minuten von den beiden tüchtigen Monteuren ausgewechselt. Kritter übernimmt das Gespann und fährt jetzt Rundenzeiten mit 102 bis 107 km Durchschnitt um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, da die Zündapp vor dem Sturz bereits 15 Runden Vorsprung hatte. 22.10: Irgendwie hat die Dunkelheit eine Art Massen-Baupsychose bei den Fahrern ausgelöst, denn ich zähle bis zu dieser Minute 11 Maschinen vor den Boxen, an denen gewaltig gebaut wird. 22.25: Court und Niedermann liegen mit der 250-Zündapp eine 1/4 Runde hinter der führenden NSU-Max, nachdem sie vor einer Stunde noch 2 Runden zurücklagen. Das schwere Gespann und die 250-Serienmaschine mit Lohse und Hessler fahren als Spitzenreiter in ihrer Klasse. Niedermann und Court hoffen, noch während der Nacht die Max einzuholen. 23.00: Niedermann hält an den Boxen um zu tanken und irgendetwas an seinem Licht reparieren zu lassen. Die Zeitnahme schickt einen Funktionär das Nummerschild von Niedermanns Maschine muß durch einen weißen Kreis gekennzeichnet werden, da man auch dort diese Nummer nicht erkennt. Mit 5 Minuten Aufenthalt fährt Niedermann weiter. 23.10: Die Bauerei vor den Boxen nimmt zu! Ich zähle bis zu 15 Maschinen. Einige mit schweren Schäden, doch die meisten mit irgendwelchem Malheur an der elektrischen Anlage. 23.45: Weltmeister Monneret, Inhaber von 22 Weltrekorden, schnellster Mann von Frankreich, erscheint mit himmelblauem Pyjama im karierten Bademantel und Pantoffeln vor den Boxen, um seine vom Co-Piloten gesteuerte AJS schweißen zu lassen. Nach Entfernung des Tanks wird trotz tropfender Benzinleitung am Rahmenunterzug geschweißt, was zu dauernden kleinen Bränden führt, die aber mit größter Ruhe von den Feuerwehrleuten gelöscht werden. 24.15: Niedermann, Journalist von "Moto Cycle", Paris, hält wieder an den Boxen, um zu tanken. 24.16: Monnerets Co-Pilot setzt sich den Helm auf. Soll das bedeuten, dass die Schweißerei schon beendet ist? 24.17: Der Zündapp-Renndienst entzündet einen phantastischen "Weihnachtsbaum" zur Signalisierung. Hans Woidich hält eine 4 m lange Latte mit zahlreichen aufgeschraubten Lämpchen kerzengerade in die Höhe, währenddessen Wiggerl Kraus die kompliziert anmutende Schalttafel bedient. 24.30: Niedermann hält wieder. Irgendetwas scheint mit der Schaltung nicht zu stimmen. In rasender Eile wird der Kupplungsdeckel abgebaut -es sind schon 3 Minuten vergangen- das Öl läuft aus dem Getriebe über die Hände der Monteure. Vorsicht: heiß! Nun sind es schon 5 Minuten, man hat den Fehler noch nicht gefunden. Irgendetwas klemmt am Schaltautomat, wahrscheinlich ist die Schaltstange leicht verzogen. Alle sind sehr aufgeregt, da nun die führende NSU-Max wieder Boden gewinnt. Auch Niedermann kommt in "Fahrt" und verscheucht ziemlich handgreiflich die herumstehenden Menschenmassen, die die Monteure am Arbeiten behindern. Der Deckel wird wieder aufgeschraubt -nun sind es 7 Minuten-, aber er muß nochmals herunter. 10 Minuten und noch immer wird gebaut! Bloß ein Glück, dass die anderen auch bauen müssen! Aber die Max läuft. Endlich nach 15 Minuten, das sind fast 5 Runden Rückstand, schiebt Niedermann wieder an und fährt weiter. 00.53: Es ist zum Heulen! Niedermann hält schon wieder! Die Nummernschildbeleuchtung muß repariert werden. Das kostet 3½ Minuten. 01.22: Wir raufen uns die Haare, da ist einfach der Wurm drin. Schon wieder die Nummernschildbeleuchtung! Es kostet weitere 7½ Minuten. Die beiden Mechaniker Oschmann und Reitensplaß arbeiten wie die Löwen. 02.40: Bei all der Aufregung ist es uns entgangen, dass die Maschine Nr. 40, eine FN, mit den Fahrern Dubois und Randaxhe, die sehr gut von ihrem Werk gemanagt werden, vor unserer Nr. 42 mit Hessler und Lohse liegt. Die Zündapp-Serienmaschine hat bis jetzt 155 Runden zurückgelegt, währenddessen die FN bereits in 156. Runde ist. In der Klasse 250-Sport-Maschinen sieht es natürlich noch schlechter aus.. Die Maschine Nr. 32, NSU-Max, mit den Fahrern Obert und Couturier, hat 167 Runden und Niedermann-Court nur 148. Bei den Seitenwagen führt Kritter-Francois mit 147 vor dem zweiten Gespann Nr. 83 mit den Fahrern Grillon-Pellegrin. 02.50: Es ist kaum zu glauben, aber es stehen immer noch zahlreiche Menschen in der Haarnadelkurve auf der äußersten Schleife der Rennstrecke und in der Rechtskurve gegenüber von Start und Ziel. 03.20: Ich stoppe Zeiten für die Serienmaschine mit 3,40 Minuten, das sind 102 km Durchschnitt, für die Sport mit 3,35 Minuten = 105 km und das Gespann mit 3,48 Minuten = 99,2. Gute Zeiten für die Nacht. 06.10: Die Rundenzeiten von Nr. 42 werden gegen die führende Maschine mit der Start-Nr. 40 um Bruchteile von Sekunden besser. Wir hoffen alle, dass Lohse und Hessler es noch schaffen werden. Der Geschwindigkeitsunterschied beider Maschinen ist minimal. 11.30: Francois fehlt! Ich laufe aufgeregt der Strecke entgegen und sehe Francois in der großen Steilkurve sein Gespann schiebend. Er ruft etwas von einer gebrochenen Kardanwelle. Die französischen Schlachtenbummler scharen sich sofort um die Box in Erwartung einer langwierigen Reparatur. Es dauert genau 6½ Minuten, bis Kritter mit einer neuen Kardanwelle das Rennen wieder aufnimmt.Funktionäre und Schlachtenbummler meinen zu träumen und wollen einfach nicht glauben, dass in dieser Rekordzeit eine Kardanwelle ausgewechselt worden ist. 11.45: Große Aufregung im Haus der Zeitnehmer! Weil man dort beobachtete, dass die Nr. 32 Nr. 42 im Windschatten zieht, was angeblich gegen die Rennbestimmungen verstößt. Die Streckenlautsprecher geben ununterbrochen Warnungen an die beiden Maschinen, sofort damit aufzuhören, was jedoch bei den Zuschauern zur Folge hat, dass sie nunmehr beide Fahrer noch mehr anfeuern., noch schnellere Runden zu fahren. Im Zündapp-Lager freut man sich über die ständigen Zündapp-Ansagen des Mannes am Lautsprecher wegen der kostenlosen Reklame. 14.20: Vizepräsident Violet wird von Christian Christophe wegen des angeblichen Verstoßes gegen das reglement von Montlhery interviewt. Christophe stellt dem Präsidenten mit sofortiger Wirkung seine sämtlichen Preise zur Verfügung, die er in den vergangenen Jahren auf der Bahn gewonnen hat. Er sagt ihm, dass er stets jede Möglichkeit, sich von einem anderen ziehen zu lassen, ausgenutzt hat und zeigt ihm gleichzeitig zwei Werks-Jawas, die gerade mit der Windschatten-Masche ihre Runden drehen. 14.25: Hessler löst Lohse ab, einschließlich Tanken dauert es 27 Sekunden. 14.45: Hessler fährt jetzt jede Runde mit 3,35 Minuten gen 3,41 und würde sicher die Nr. 40 schnappen. Aber Nr. 40 fährt weiter ohne zu tanken. 15.00: Wegen der Stopperei drehen wir alle die Köpfe nach links, um schon von weitem die Maschinen, die aus der Steilwand herausbrausen, erkennen zu können. Da kommt jemand angeschoben. Plötzlich erkenne ich die Start-Nr. 32. Wir können es nicht glauben - die Max. Aber was ist los, warum schiebt der Fahrer so langsam? Bei der Box angelangt, lehnt er die Maschine an die Brüstung und setzt sich völlig niedergeschlagen auf den Boden. Nach einer ziemlich langen, aufgeregten Unterhaltung mit seinen Monteuren kommt plötzlich Leben in die Box, und es wird fieberhaft gebaut. Als endlich die Zylinderkopfschrauben gelöst sind, sehen mehrere entsetzte Augen in den Max-Zylinder, in dem nur noch zerfetzte Kolbenreste und Teile des Pleuels vorzufinden sind. Aus! Der arme Kerl! Dabei hatte er einen Vorsprung, der ausgereicht hätte, über eine Stunde zu bauen. 15.35: Hessler ist jetzt pro Runde 5 bis 6 Sekunden schneller als die FN. Das Tanken dauert nur noch 18 Sekunden. 16.33: Woidich gibt das Zeichen "-50", d.h., dass noch 50 Sekunden bis zum führenden Mann aufzuholen sind.. Es sind nur noch 28 Minuten zu fahren, dann ist Schluß. 16.40: Hessler winkelt die Maschine in der Kurve derartig stark, dass die Zuschauer hysterisch schreien und fährt die Kurven so weit aus, dass er sich außerhalb des weißen Warnstriches befindet. Die große Steilkurve fährt er lang auf der Maschine liegend, die Füße über dem hinteren Nummernschild gekreuzt, so dass es uns eiskalt über den Rücken läuft.. Er holt auf, Runde um Runde, aber es kann nicht reichen. Wir rechnen alle vor den Boxen, unsere Hemden sind klatschnaß. 16.50: Woidich rennt mit der Anzeigentafel an die Strecke und gibt das Zeichen "-34". Hessler fährt noch verwegener. 16.55: Die Spannung ist auf dem Siedepunkt angelangt. Hessler liegt Rad an Rad mit der führenden FN. Es ist auch nicht erkennbar, dass Hesslers Maschine auch nur um das geringste schneller ist als die FN. Da läßt sich Hessler ganz langsam in der Steilkurve hinauftragen, um dann von oben rechtwinklig nach unten vor die FN zu schießen, und erscheint in der vorletzten Runde mit einem halben Rad Vorsprung vor der FN. 17.06: Die Zielfahne fällt für Hessler, der auf der Maschine liegend, mit lang ausgestreckten Beinen mit 20 m Vorsprung vor der FN das Ziel durchrast. Sieg! Dreimal Sieg für Zündapp! Grüttefien
Abb 2: Die Sportmaschine unter Niedermann / Court
Abb 3: Heßler während de Laufes zum Bol d´Or 1957 mit der Serienmaschine
Abb 4: Ein wuchtiger Reiter auf einem noch wuchtigeren Stahlroß - Werner Kritter auf der KS 601 (Vorlage und alle Bilder stellte freundlicherweise Günter Sengfelder aus Oberasbach zur Verfügung.) 29. Bol d´Or 1957 in Zahlen 53 Teilnehmer, davon 3 Gespanne. Zwei in der Klasse bis 750 ccm und eines in der Klasse bis 350 ccm. Kritter-Francois fuhren 61 kg Bleiballast, desgleichen die Ratier, aber die 350 ccm DKW NZ fuhr mit Swg.-Passagieren. Die Sieger Lefevre-Briand verbesserten den Streckenrekord auf 117,9 km/h und Agache-Guignabodet den Rekord bis 175 ccm auf 100,8 km/h. 1. Briand-Lefevre Norton 500 (RS) 117,90 km/h 2. Nenning-Weissgerber BMW 500 (T) 107,40 km/h 3. Tano-Cherrier Velocette 500 (S) 103,80 km/h 4. Agache-Guignabodet Ydral-Sachs 175 (RS) 100,18 km/h 5. Dubois-Randaxhe FN-Ilo 250 (T) 100,10 km/h 6. Hessler-Lohse* Zündapp 250 (T) 100,00 km/h 7. Bernard-Gluck DKW 350 RT (T) 98,30 km/h 8. Niedermann-Court Zündapp 250 (S) 98,00 km/h 9. Klimt-Harsmid Jawa 350 (T) 97,60 km/h 10. Obert-Couturier NSU 250 (S) 93,00 km/h 11. Kritter-Francois Zündapp KS 601-Swg.(S) 91,90 km/h 12. Rossignol-Rebour FN-Ilo 250 (T) 90,10 km/h 13. Havel-Slavicek Jawa 350 (S) 89,50 km/h 14. Descoureaux-Fromont Gnome-Rhone 175 (T) 88,60 km/h 15. Gnudi-Mangin Adler spez. 250 (RS) 87,50 km/h 16. Chappon-Vattim Puch 250 (S) 87,30 km/h 17. Schoon-Decae Ydral-Sachs spez.175 (RS) 84,80 km/h 18. Heuqueville-Krajka Gnome-Rhone 250 (RS) 84,40 km/h 19. Moissan-Guillotin AGF-Ydral 175 (T) 82,90 km/h 20. Thomas-Bagetzi Motobecane 175 (S) 80,67 km/h 21. Poiron-Poiron Peugeot 175 (S) 80,50 km/h 22. Vogel-Gomez Gnome-Rhone 175 (RS) 80,40 km/h 23. Gilbert-Picache Gnome-Rhone 175 (RS) 80,00 km/h 24. Wallet-Tardieu Pannonia 250 (T) 79,00 km/h 25. Cambis-Etienne Rumi 175 Roller (RS) 78,50 km/h 26. Oosterlink-Godin Liberia-Sachs 175 (S) 77,80 km/h 27. Lariviere-Boyer Norton 500 (RS) 77,60 km/h 28. Grillon-Pellegrin Ratier-Swg. 750 (S) 76,00 km/h 29. Petard-Dutarde Norton 500 (T) 76,00 km/h 30. Tourres-Vasselin Horex 350 (T) 75,50 km/h 31. Leroy-De Loince BSA Gold Star 350 (RS) 74,80 km/h 32. Costedoat-Lyset BSA Gold Star 350 (RS) 74,80 km/h 33. Le Guelle-Christophe Rumi 175 Roller (RS) 74,00 km/h 34. Rouger-Rouger Lambretta 175 Roller (T) 74,00 km/h 35. Allarousse-Rittaud Puch 175 (RS) 70,90 km/h 36. Rehn-Pourchet BMW 500 (T) 67,00 km/h 37. Gilles-Surry Jawa 350 (S) 66,00 km/h 38. Aubry-Leffondre Lambretta 175 Roller (RS) 63,60 km/h 39. Pierre-Pierre Adler 250 (S) 60,00 km/h 40. Di Vozzo-Claudon DKW-Swg. 350 NZ (RS) 58,05 km/h 41. Diou-Frederic Morini 175 (RS) 57,00 km/h 42. Le Clainche-Parans Lambretta 175 Roller (RS) 53,80 km/h (*Die Ergebnisliste stammt aus der französischen Zeitung "Moto-Revue" und zeigt auf, dass die Zündapp-Tourenmaschine wegen des Windschattenfahrens mit einem direkten Konkurrenten (der FN-Ilo) um einen Platz distanziert wurde.) (Auszug aus Nr. 4/2006 aus dem Rundschreiben des Zündapp-KS-601-Club e.v.) (lg) Diese Zusammenstellung stellte freundlicherweise R.L. vom Zündapp KS 601 - Club zur Verfügung. Herzlichen Dank! |
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