Heimflug 3. Teil

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Heimflug 3. Teil

Beitragvon 200Ardietreter » 12 Aug 2014: 10 36

Alpiner Übermut
Es beginnt gleich richtig steil: Erster Gang, 10 -20 kmh, in Serpentinen hinauf in die Berge windet sich die Straße nach oben. Irgend wann wird es ebener und entlang eines Gebirgsbaches durch kleine Dörfchen und pittoreske Orte kommt man gut vorwärts. An der Einmündung einer zweiten Landstraße liegt ein Restaurant. Vor der Tür eine ganze Sammlung leistungsstarker Motorräder, deren Fahrer in der Sonne ihren Kaffee nehmen. Es sind vornehmlich Deutsche und Österreicher auf Urlaub, Ausflügler vom Gardasee, welche mich und mein Maschinchen mit leichter Belustigung zur Kenntnis nehmen. Vor großartiger Kulisse immer höher werdender Bergipfel führt die gut fahrbare Straße langsam weiter hinauf bis Canazei, dem Ausgangspunkt der Passtraße. Am Kreisverkehr gegenüber dem Restaurant, wo Fahrer und Motor sich nochmals stärken, grinst das Hinweisschild nach Bozen. Nein, es soll die Sella sein! Im ersten Gang geht es hinauf. Alle zehn Minuten eine kleine Pause, wieder ein Stück weiter, drei, vier Kurven, abkühlen, Gegend bewundern, Fotos machen, weiter. Und es geht vorwärts. Trotz der Höhe – irgend wann wurde das Schild „2000 metri sul mare“ passiert – fährt das kleine Motörchen tapfer mit Mann und Gepäck bis auf die Passhöhe. Und sie hat es geschafft, die Ardie Wanderfalk RBZ 200 aus dem Jahr 1937 hat die Feuertaufe bestanden, der Pass ist bei 2240 Metern überwunden.
Bergab gab es dann bei abgeschaltetem Motor die Belastungsprobe für die Bremsen, aber auch diese funktionieren vorbildlich. Da das Grödener Tal ein Hochtal ist, ist der Ab- und drauf der Wiederaufstieg zum Joch nicht all zu spektakulär, die Landschaft ist es dafür um so mehr. Vor dieser Kulisse mit einem Motorrad unterwegs zu sein, welches einem die Zeit läßt, diese auch wahrzunehmen, ist vielleicht noch schöner, als auf einem Potenzbike die Strecke einfach „abzureiten“. Dafür zahlt man allerdings auch seinen Preis.
Schäden und Helfer in der Not
Auf dem Grödener Joch fielen nämlich zwei Dinge auf: Der Auspuff hatte plötzlich zu knattern begonnen und das Getriebe machte im zweiten und dritten Gang häßliche Geräusche. Uups – da ist was kaputt! Das rechte Auspuffrohr war am Motorflansch locker geworden, kein großes Problem! Der Getriebeschaden hingegen wird mich noch beschäftigen, zunächst ging es aber wieder ohne Motor bergab, ständig überholt von „Sella-Runden“-Fahrern hinab nach Villa-Stern und von dort unter möglichster Vermeidung des dritten Ganges nach Bruneck auf den Zeltplatz. Dort ging die Maschine im Leerlauf aus und wollte partout nicht wieder anspringen. Nach einiger Suche stellte sich heraus, daß die Batterie leer war. Die Niedrigst-Drehzahlen beim Anstieg haben wohl nicht gereicht, die nötige Spannung für Licht und Batterie zu liefern, so daß nun ein Ladegerät nötig war. An dieser Stelle ein großer Dank dem sehr freundlichen Besitzer des „Camping Ansitz Wildberg“ in Bruneck! Er stellte mir sein Ladegerät (6 und 12 Volt!) zur Verfügung, und am nächsten Mittag ging es weiter Richtung Heimat.
Die Strecke von Bruneck nach Lienz ist fahrerisch völlig anspuchslos, glänzt aber durch landschaftliche Schönheit. Die Tauern zur Linken, die Dolomiten zur Rechten und das bei strahlendem Frühsommerwetter – ein Traum! In Lienz war die richtige Abbiegung nach Mallnitz zur Tauernschleuse zu finden, angeschrieben ist der Großglockner, aber die Straße ist dennoch richtig. Unmittelbar ging es wieder in Serpentinen recht steil bergan, wieder im ersten Gang tuckerte das Maschinchen vorwärts. Auf halber Höhe am Straßenrand erinnerte ein Gasthaus mit etlichen Motorrädern vor der Tür daran, mal wieder eine Pause einzulegen. Eingeschwenkt und Kupplungshebel gezogen – dieser hängt schlaff an der Schraube, Seil ausgehängt! Nanu? Beim ersten Berühren des Kupplungsarms am Getriebe fällt dieser auf die Straße. Dessen Haltebolzen hatte sich durch die Vibrationen gelöst und verabschiedet. Im gleichen Moment kam schon eine Mitarbeiterin des Gasthauses auf mich zu und meinte, das sei ja wohl eine Fall für den Sepp, der könne sicher helfen! Dieser führte mich dann in seine Werkstatt, ließ mich einen passenden Edelstahlbolzen nebst Muttern aussuchen, zeigte mir seine Säge und den Schraubstock zum Ablängen des Gewindes, und die Sache war erledigt.
Des Rätsels Lösung: Sepp vom Iselbergerhof in Lienz ist passionierter Oldtimer-Motorradfahrer, sein Gasthof ist der (!) Treffpunkt aller Biker von Osttirol und mein Kupplungshebel hätte nirgends auf der ganzen Fahrt besser abfallen dürfen als ausgerechnet hier! An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an Familie Obersteiner vom „Motorradhotel Iselsbergerhof an der Großglocknerstraße“! So findet man Freunde!
Nach einem stärkenden Kaffee ging es dann weiter hinauf, durch das wunderschöne Mölltal, und nach einem letzten steilen Anstieg war die Verladestation Mallnitz erreicht, wo wir allerdings dem abfahrenden Zug hinterherschauen und eine ganze Stunde auf die nächste Verladung warten durften. So wurde es 21.00 Uhr, bis die Fahrt in Bad Gastein weitergehen konnte. Spätestens in Radstadt war es dann stockfinster, aber das Ennstal gehört ja schon zur engeren Heimat, nun sollte auch keine Übernachtung mehr nötig sein – denkste! Denn nachdem nun absolut kein Fahren ohne Licht mehr möglich war, sollte die gefährlichste Situation der ganzen Reise noch kommen:
An einer Steigung mußte ich runterschalten. Dies braucht mit dem Handhebel seitlich am Tank immer seine Zeit und die Drehzahl sackt ab. In diesem Moment reichte die Ladespannung nicht mehr für Zündung und Licht, und die Maschine war aus. Unbeleuchtet nachts im Wald ohne Seitenstreifen auf der Bundesstraße - der LKW von hinten hatte nicht all zu viel Abstand zu meinem linken Lenkerende... Gottlob waren wir fast oben und von dort in die Ortschaft Gröbming hinein führt ein ausreichend steiles Sträßchen, um die Maschine wieder zu starten. Den Rest der Strecke habe ich dann mit reichlich Stand- und Zwischengas absolviert.
Fazit
Um 0.30 Uhr endete der Heimflug des Wanderfalken in Bad Aussee, und wenn ich einige Dinge am Motorrad gerichtet habe, werden wir wahrscheinlich bei gutem Wetter und Tageslicht den Großglockner nachholen. Ohne die 15 Kilo Camping-Ausrüstung wird dann bei Sepp in Iselsberg übernachtet.
Der Verkäufer kommentierte meine Erfolgsmeldung zwar mit den Worten, ich hätte „bewiesen, daß Alter nicht existiert“, aber ganz so ist es leider nicht. Eine längere Tour ist möglich, auch mit 5 PS und Vorkriegsware. Die Vorbereitung der Maschine sollte besser sein, vor allem muß die Leistung der Lichtmaschine erhöht werden, denn heute ist das Fahren mit Licht für Zweiräder vorgeschrieben. Hätte ich mich immer daran gehalten, wäre ich nicht so leicht angekommen. Die Getriebe sind am Abtrieb nicht dicht, wahrscheinlich hätte ich zwischendurch Schmiermittelverlust ausgleichen müssen. Und einige Dinge wie Auspuffdichtungen oder Schraubensicherungen, die für eine Sammlerrarität reichen, stehen 800 Dauerkilometer dann doch nicht unbeschadet durch. Doch dies sind lösbare Probleme.
Es war ein unvergleichliches Erlebnis!
Hier noch die Adressen der Firmen und Helfer:
Der spanische Restaurationsbetrieb : http://www.motosrumor.es/
Der Campingplatz in Bruneck/Südtirol: http://www.campingwildberg.com/
Das Motorradhotel Iselsberg: http://www.iselsbergerhof.at/
Die Tauernschleuse (Eisenbahn): http://www.gasteinertal.com/autoschleuse/
Dateianhänge
Vor dem Langkofel.jpg
Am Sella-Pass vor der Kulisse des Langkofel
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Reparatur in Bruneck.jpg
Batterie laden, Auspuff festsetzen und weiter...
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Iselsberger Hof Lienz.jpg
"Hier werdet Ihr geholfen"
Iselsberger Hof Lienz.jpg (82.42 KiB) 3499-mal betrachtet
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Re: Heimflug 3. Teil

Beitragvon Styro » 18 Aug 2014: 20 38

Super!
Vielen dank für Deinen Bericht. Hat Spaß gemacht zu lesen.
Steffen
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Re: Heimflug 3. Teil

Beitragvon _Ardieopa » 31 Aug 2014: 22 43

Toll!!!!

Ich bewundere Deinen Mut, so eine Sache durch zu ziehen! Davon träume ich noch! Fahre derzeit mit einer dkw RT1125/2H und habe eine Ardie B250 in restauration. Bin 56 und muss nun noch meinen A2 Schein machen :) . Aber so eine Tour mit nem Oldie schwant mir noch vor!

Dein Bericht: Spitze!

Lieben Gruß

Michael

p.S. Bin halt ein Spätberufener bei dem Hobby.......
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Re: Heimflug 3. Teil

Beitragvon 200Ardietreter » 31 Aug 2014: 22 57

Danke für die Blumen!
Die ganze Sache war eigetlich gar nicht so mutig, wie es sich liest. Das Zauberwort heißt "Schutzbrief". Im Falle eines Falles hätte sich ein ÖAMTC-Vertragsladen in Italien mit der Heimführung der Maschine befasst und ich wäre halt in die Bahn gestiegen. Wäre zwar traurig gewesen aber problemlos.
Was den Straßenverkehr angeht - mutig war eigentlich nur die Alleinfahrt. Ansonsten ist man mit 60 Kmh am rechten Straßenrand so sicher wie das Küken im Adlernest. Wichtig ist nur, daß man keine wichtigen Überland-Strecken auswählt, wo sich die Laster tummeln. Aber meistens gibt es neben den Bundesstraßen ja noch nette Nebenwege. Alles halb so schlimm, die technische Vorbereitung ist wichtig, daß nicht irgendwo das Öl ausgeht oder ein Teil den Abflug macht. das war die einzige echte Problematik. Ich tu´s wieder, das ist sicher!
Richtig toll wäre es natürlich, wenn man sich zu sowas verabreden und eine Veteranen-Ausfahrt größerer Dimension daraus machen könnte. Es muß ja nicht gleich die Sella oder der Glockner sein...
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