Der Kampf ums Rot

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_Merten
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Der Kampf ums Rot

Beitrag von _Merten » 16 Dez 2018: 16 24

Der Kampf ums Rot - Probleme einer Patina-Restaurierung

Ich hatte neulich Gelegenheit, eine schöne BDG in der roten Originalfarbe zu besichtigen, die eigentlich noch sehr gut erhalten war. Die Tankseiten und die Felgen zeigten im Chrom zwar viele feine Risse, aber alles sah so aus wie es am besten bleiben sollte und das möglichst noch viele kommende Jahre.

Das Rot war natürlich im Lauf der Jahre etwas verblichen, aber wer die Ergebnisse einer Neulackierung in Rot kennt, weiß, daß dies nicht einmal eine Notlösung sein kann. Schwarz geht einigermaßen, doch das schöne alte Rot ist mit den modernen Lacken ein für allemal verloren.

Aber – da beißt die Maus keinen Faden ab – früher hatte das Rot einfach mehr Glanz und war keineswegs so matt verblichen wie bei vielen Oldtimern. Ob man das wieder hinbekommen könnte, ohne alles zu verderben. Und wie wäre der Chrom zu retten? Ein Neuverchromung ist nahezu unbezahlbar, zerstört natürlich auch den alten Lack und hat stets eine leichte Kirmes-Anmutung...

Ich selbst stand vor einigen Jahren vor ähnlichen Überlegungen, als ich dieses Maschinchen kaufte:

Vorher (3).JPG

Eine Anker Pamag aus dem Jahre 1952, Originallack, Pappbrief, erstes Kennzeichen. Sachs-Ersatzteile und -Erfahrung hatte ich genug und sogar den fehlenden Orignalauspufftopf. Also her mit dem Dingsda...

Was aber war mit den Blechen zu tun? Das Photo täuscht – die rote Farbe war nur noch zu 60 Prozent vorhanden, der Chrom vielleicht noch zu 20 Prozent.

Ich habe mich also mal im Netz umgesehen und bei den Patinatoren ein Verfahren gefunden, das eigentlich auch auf meine neue Anker Pamag anwendbar sein müßte. Die Zaubermittel hießen Fertan und Owatrol.

http://diepatinatoren.blogspot.com/
https://www.owatrol-kontor.de/owatrol-o ... orstellung
https://fertan.de/produkte/entrosten/rostkonverter/


Ich bin dann folgendermaßen bei meiner Anker vorgegangen

1) Die Maschine wurde zunächst gründlich und mehrfach mit heißem Autoshampoo gewaschen, gebürstet und abgespült. Auf aggressive Chemie habe ich völlig verzichtet.

2) Alles, was den Kontakt zum Blech verloren hat, kam herunter. Stärkere Rostausblühungen wurden vorsichtig (nicht mit der Messingbürste) wie üblich behandelt, ausgekratzt oder angeschliffen. Am besten eignet sich meiner Meinung das feine Akopads dazu, das ist schon eingeseift.

3) Jetzt war einiges blank. Man muß dazu wissen, daß die Bleche früher nicht grundiert wurden – hochgiftige, aber wirksame Lackverbindungen wurden mehrfach auf das blanke Blech aufgetragen: das war auch Rostschutz.

4) Alle zu behandelnde Teile wurden nun als Vorbereitung für die Fertan-Anwendung völlig chemisch entfettet. Allerdings nur das blanke Blech, nicht die Farbteile. Es hilft übrigens, die Fertan-Gebrauchsanleitung durchzulesen und auf die Verarbeitungstemperaturen zu achten.

5) Dann wurden alle Blech- und Chromteile mit Fertan behandelt. Fertan greift den Lack nicht an, also ruhig großzügig verteilen.

6) Wo Fertan reagiert hatte, wurde das blanke Metall jetzt schwärzlich bis schwarz.

7) Dann wurde das Fertan nach der chem. Reaktion (min. 24 Std.) einfach mit klarem Wasser abgespült und hinterläßt jetzt schwarze Flächen.

8.) Dort, wo der Lack noch vorhanden war, habe ich mit gutem Lackreiniger vorsichtig aufpoliert und siehe da – der alte rote Glanz kam nach und nach wieder zum Vorschein.

9) Nach der Politur habe ich alles wieder mit heißem Autoshampoo-Lösung gründlich abgespült, um alle Lackreinigerchemie zu entfernen.Keine Angst, mit Seife bleibt der polierte Glanz – jedenfalls für eine Weile durchaus – bestehen.

10) Alle Blech- und Chromteile, die unter Fertan reagiert hatten und sich schwärzlich gefärbt haben, wurden dann sehr gründlich Owatrol eingerieben, betupft oder bepinselt.

11) Je nach Witterung mußte ich noch zwei, drei Tage warten, bis

12) alles mit einer Wachschutzschicht bzw. Politur bedeckt werden konnte, die ich in gewissen Abständen erneuere.

13) Das Owatrol kann ebenfalls immer eingearbeitet werden.


Die kleine Anker ist vor drei Jahren so behandelt worden, der Rost hat nicht weiter gearbeitet, das strahlende Rot ist immer noch da:

Nachher (2).JPG

Sicherlich gibt es ganz andere Verfahren und ganz viele andere Meinungen dazu. Die Frage beispielsweise, ob man die Alterungsprozesse, zu denen ja auch das Ausbleichen - wir alle kennen das ja vom eigenen Corpus her, hihi - gehört, mit dieser Methode nicht aufheben. Aber ich habe mich für diese Methode entschieden. (Genauso wie ich auch die "Patina"-Reifen und -Felgen/Speichen ausgewechselt habe.)

Auf den Oldtimertreffen steht allerdings immer eine Menge Leute um mein Motorrädchen, das doch nicht sehr viel mehr ist als ein völlig untermotorisiertes Sachsmotörchen, und nicht um die „ladenneue“ BMW R 69S, die schwer gekränkt daneben steht...

Warum wohl?
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_Merten
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Re: Der Kampf ums Rot

Beitrag von _Merten » 16 Dez 2018: 17 00

Vorher (1).JPG

Man beachte den Kampf ums Rot auf der Flügelmutter des Bremsgestänges!

Nachher (3).JPG
Auch der Lenker wurde entrostet, fertanisiert und anschließend owatrolisiert.

Geschätzte Kosten einer "Aufarbeitung":

Strahlen, Lackieren, Linieren = 1500,00 - 2000,00
Verchromen Rücklicht, Tankklappe, Gabelholme, Lenker etc. = 500,00 Euro

Oder liege ich zu hoch?
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Re: Der Kampf ums Rot

Beitrag von _Merten » 17 Dez 2018: 19 55

Anker nachher Gabel.JPG

Das soll das letzte fabrikatfremde Bild in diesem Beitrag dazu sein: Hier sieht man zunächst, wie sich die fehlenden Farbanteile (jetzt fertandunkel) auf dem Schutzblech mit den vorhandenen roten Resten zu einem akzeptablen Ganzen verbunden haben. Außerdem ist zu sehen, wie die Chromblenden an der Gabel, der völlig verrostete Lenker und die verchromte Grundplatte sowie die Lenkerhalter mit Fertan und Owatrol behandelt worden sind und was dabei herausgekommen ist. In den vergangenen 3 Jahren gab es an diesen Teilen keinen Rost mehr, obwohl ich manchmal doch mehr als ziemlich naß geworden bin beim Fahren.

Nun noch ein allerletztes Wort zu diesem Restaurations-Thema, meine eigene BDG 250 H. Vor 5 Jahren für 1.000 Euro erworben. Die Dame, die sie gefahren hat, war aber keine Dame, sondern jemand, der die Farbe LILA aus der Sprühdose liebte und dieser Liebe viel Raum zu geben gewußt hatte.

Was macht man also mit einer lila-angepinselten Triumph?
Da bleibt leider nur noch die Totalrestauration:

bdg.JPG


Seufz.

Meine ehrliche Meinung: zu schön, um wahr zu sein...

Wenn ich nicht noch einen Patina-Krümmer und einen Patina-Tank gehabt hätte, wäre es aber noch schlimmer geworden.
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Re: Der Kampf ums Rot

Beitrag von 9wuttel » 10 Jan 2019: 21 46

Servus Merten,

sehr schöner Bericht! Das kann ich so nur bestätigen. Ich selbst habe schon einige Patina auch an KFZ mit Owatrol erfolgreich über Jahre versiegelt. Ich selbst lasse den Schritt mit Fertan sogar weg. Ist der Rost grob entfernt muss man nur darauf achten ggf. bei saugfähigem Rost mehrmals Owatrol aufzutragen.

Erwähnt sei am Rande auch: Owatrol lässt sich später mal nur mit speziellen Lacken (Tipp Korrosionsschutzdepot) überlackieren. Da also drann denken. Normale Lacke "schwimmen" auf dem ölartigen Owatrol. Ansonsten muss Owatrol restlos entfernt werden.

Alles in allem kann ich nur zustimmen: Wer auf Patina steht kann sie damit wunderbar erhalten. Selbst über Jahre hält das und je nach Gebraucht reicht 1-2x nachpinseln im Jahr. So werde ich meine BDG125 (und weitere) auch behandeln. Wobei meine zwar Kratzer aber keinen großen Rost aufweist.

Gruß Lukas

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