Mars Stella 175, Restauration und kleine Verbesserungen

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52wolfgang
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Mars Stella 175, Restauration und kleine Verbesserungen

Beitrag von 52wolfgang » 17 Dez 2019: 13 24

Es war einmal im Januar 2019. Wetter schlecht, vorhandene Schraubobjekte aus den 50ziger (4 Motorräder, 5 Traktoren) ohne Probleme im Winterschlaf, ein Projekt zum schrauben fehlt dem Rentner…. Wo sucht man da: Scheunenfunde bei eBay- Regional. Da wird eine Mars Stella für 750€ angeboten, Raum Fulda, ca. 1,5 Autostunden entfernt.
Ich kannte die Marke Mars bis dato nicht. Nichts ausländisches, alles Sachs Technik, schön grün und klein, Liebe auf den ersten Blick - und zugeschlagen.

Das Teil stand Jahrzehntelang wirklich in einer Scheune, irgendwer hat es mal Samt Dreck mit Öl eingepinselt, aber niedergeschlagene Feuchtigkeit hat deutliche Spuren hinterlassen.
Der Tacho mit abgebrochener Nadel zeigt 53780 km, Sitzbank nur als Gerippe, Hauptständer fehlt, Motor und Fahrgestell weisen eine teilweise mehrere cm dicke und harte Sand- Ölschicht auf, Tank schwer angerostet, etc.. Aber Motor dreht, nichts ist verbastelt und alles Original.
Weitere Befundung nach Demontage: Viel Luft in Radlager, Lenkkopflager, Telegabellagerung . Das Gerät wurde offensichtlich bis zum letzten Atemzug ohne Wartung bewegt. Richtig was zum Schrauben.

Bevor wir uns jetzt den einzelnen Baugruppen widmen etwas zu meiner Einstellung : Ich hasse überrestaurierte Oldtimer. Patina ist für mich durch nichts zu ersetzen . Neu lackieren ist keine Kunst, die Technik wieder 100% herzustellen ist die Herausforderung. Das Alter darf man jedem Fahrzeug und Menschen ansehen, gesund sollten beide aber sein.
Es muss auch nicht alles 100% Original sein, technische Verbesserungen auf dem Stand der damaligen Technik laufen bei mir nicht unter verbastelt. Beispiel: keine elektronische Zündung, sehr wohl aber eine vernünftige Zündspule unterm Tank statt die anfällige Kleinspule im Hitzebereich.

Generelles zu meiner Mars Stella: ein für 1954 sehr fortschrittliches Motorrad, serienmäßig Sitzbank, hydraulisch gedämpfter Hinterradschwinge, breite 325- 16 Bereifung, Leerlaufschalter am Lenker, Sachs- Vollnabenbremse, Räder vorne- hinten austauschbar, etc. Die Elektrik mit dem Magnetzünder und die über Gleichrichter geladene Batterie, die nur für Hupe, Standlicht und Bremslicht da ist, halte ich vom Konzept her für grenzwertig. Hier kommt der eigentlich nur vergrößerte Moped- Motor durch, dem man keine Lima gönnte. Aber sie funktioniert.

Jetzt zu den einzelnen Baugruppen:

• Räder:
Die Verchromung des Vorderradfelge hatte viele Rostpickel, die konnte man aber wegpolieren. Die Verchromung an Hinterrad hing in Fetzen weg, also schleifen, Grundieren, silbernes Felgenspray. Die Speichen waren alle angerostet aber noch stabil, also losen Rost entfernen, Rostumwandler, Owatrol.
Bremsbeläge: natürlich erneuern.
Größeres Problem: Radlager. Die vielen km haben Spuren hinterlassen, die Konen haben starke Pittingbildung. Nach endlosen Internetrecherchen Hoffnung auf Ersatz aufgegeben. Die Laufflächen sind (hoffentlich) induktiv gehärtet, da müssten schon einige Zehntel Reserven drin sein. Ich habe sie nachdrehen lassen, bis sie sauber waren. Neue Lagerkugeln (die waren auch fertig) gibt es genug, aber aufpassen, da sind viele chinesische Produkte unterwegs, die eigentlich nur für das Schleuderschießen gedacht sind. Also auf Kugellagereignung (oder Werkstoff 100Cr6) achten.
Natürlich neue Reifen (Metzeler Block C) mit Schlauch.

• Telegabel:
Die Pertinaxbuchsen waren ausgeleiert, Ersatz nicht in Sicht. Also Buchsen mit Dremel- Trennscheibe aufschlitzen, einmal mit Panzer- Klebeband umwickeln, dabei Spalt schließen und somit Innendurchmesser verkleinern, das Ganze mit Klebeband ins Führungsrohr und Spiel mit der Gabelwelle prüfen bis das ganze spielfrei gleitet.
Nun das ganze mit einem dünnflüssigen Fett auffüllen und fertig montieren.
Natürlich kann man auch neue Buchsen drehen lassen, wenn man Zeit und Geld dafür hat. Aber so geht’s auch, das Band zwischen Buchse und Außenrohr kann nicht weg und löst sich auch nicht im Fett auf. Und wenns nicht halten sollte, kann man immer noch Buchsen drehen lassen. Bis dato läuft alles spielfrei.
Lenkkopflager- Kugeln und Lagerschalen waren noch in Ordnung, wurden gereinigt, gefettet, neu eingestellt.
Die Gummimanschetten waren natürlich dahin. Motorrad- Stemmler hat neue, nicht für die Mars, aber in Länge und Klemmdurchmesser auf Rohr und Welle passend.


Soweit für heute, Fortsetzung folgt.
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52wolfgang
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Re: Mars Stella 175, Restauration und kleine Verbesserungen

Beitrag von 52wolfgang » 19 Dez 2019: 18 40

So, jetzt gehts weiter....

• Tank:
Der hatte außen starke Rostnarben und war auch innen angerostet. Der Chrom hing z.T. in Fetzen weg.
Innen neu beschichten ist kein Problem, dafür gibt es genügend Mittelchen und Beschreibungen, darauf will ich hier nicht eingehen.
Außen konnte man das aber so nicht belassen, auch um zu verhindern, dass da wes weiter rostet und er undicht wird.
Neu verchromen wäre theoretisch möglich, die tiefen Rostnarben aufkupfern etc. wäre (wenn überhaupt möglich) sehr bzw. zu teuer geworden.
Also abschleifen, Rostumwandler, abschleifen grundieren, fillern und lackieren.
Da wird im Internet für ~35€ ein Spraydosensatz Chromlackspray angeboten (Grundierung, Lack, Klarlack) mit angeblich kaum Unterschied zu einer richtigen Glanzverchromung.
Das habe ich ausprobiert und kann davon nur abraten: Unterscheidet sich fast in nichts von Silbermetallik- Felgenspray aber ist in keiner Weise Kraftstoffverträglich. Der erste herunterlaufende Benzintropfen erzeugte eine deutlich bleibende Spur. Also nochmal runter mit dem Zeugs und normales Felgenspray seitlich und im oberen Bereich normaler Auto- Lack (RAL 6020 Chromdioxidgrün, Fa Förch, 10€ / Dose bei ebay, lässt sich sehr gut verarbeiten und verträgt auch kurzfristig Benzin ). Die Übergänge habe ich mit goldenem Linierband überdeckt. Ergebnis: Siehe Photo. Kann sich sehen lassen, passt zum Erscheinungsbild der gesamten Maschine und ist m.E. genau so schön wie glanz-verchromt (natürlich Geschmacksache….)

• Oberfläche Fahrgestell und Rest:
Diverse leichte Schrammen und Anrostungen werden belassen, abgebürstet, mit Rostumwandler und Owatrol behandelt. Der noch vorhandene alte Lack ist hart und von guter Qualität. Er wird mit Polierpaste und Konservierungswachs behandelt. Die fehlenden Seitenbleche am Luftfilter weden aus Dünnblech ausgeschnitten und lackiert. Handgriffe am Lenker werden erneuert (Farbe Elfenbein, sehen jetzt schon wieder aus als wären sie 20 Jahre alt)

• Sitzbank und Tacho
Werden zur Instandsetzung an Sitzbankdoktor und Oldtimer Tacho- Werkstatt geschickt und kommen neuwertig wieder zurück.

• Hinterradschwinge und Federung
Die Schwinge hat offensichtlich kein Spiel und wird, inclusive des Gummielementes nicht demontiert, nur abgeschmiert. Die Hydraulikdämpfer sind offensichtlich noch in Ordnung und trocken. Da bietet einer bei ebay ein Satz nagelneue Dämper für die Mars Stella für 55€ an, noch mit original DM Schild (23DM /Stück) aus Lagerbeständen. Die sind jetzt eingebaut.

• Fehlender Hauptständer und Fußraster rechts:
Werden aus passendem Rohrmaterial nachgefertigt, an die noch vorhandene Halterung unter dem Motor angeschweißt und lackiert.

• Elektrik:
Unterbrecher und Kondensator total defekt, werden erneuert. Zündzeitpunkt lässt sich bei richtigen Polschuhabriss (8-10mm ) nur noch mit Kontaktabstand 0,55 einstellen. Da Polschuhabriss wichtiger ist wie Unterbrecherabstand, bleibt das so und funktioniert auch. Ursache: Geometrie der nachgefertigten Unterbrecher entspricht offensichtlich nicht dem Original.
Zünd- Licht- und Ladespule funktionieren einwandfrei. Als Batterie ( für Bremslicht, Standlicht, Hupe ) wird eine 10€ Gelbatterie eingebaut. Das gebrochene Rücklichtglas kann durch ein Ersatzglas für die BMW R25 ersetzt werden. Scheinwerferreflektor ist noch einigermaßen, wird nur gereinigt, alle Birnchen und Zündkerze (225) neu.

• Motor:
Wird erst mal nur gereinigt, neues Getriebeöl (da war eine schreckliche Pampe drin), Vergaser gereinigt, Auspuff demontiert und gereinigt.
Erste Probefahrt ca. 15km: Kupplung löst sich auf, auf halber Strecke zwei Kolbenklemmer. Komme gerade noch im Schrittempo auf Schleichwegen durch den Wald nach Hause!

Also: Gehäusedeckel rechts runter, neue Kupplungsbeläge . Da waren noch die alten mit Korkscheiben drin. Die angerostete Primärkette wird gleich mit ersetzt (die von der MZ-RT 125 passt, 20€ bei ebay).
Kolbenklemmer:
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Da seitens Vergaser und Düsenbestückung alles sauber und nach Liste war hat mein Vorgänger die Fuhre wahrscheinlich nur im Zockelbetrieb gefahren, war auch mit der vielen Lagerluft im Fahrwerk kaum anders möglich…. Wie auch immer, eine etwas fettere Einstellung hat noch kaum einem Zweitakter aus den 50ziger geschadet: Die Hauptdüse 115 wird durch 120 ersetzt (gibt’s bei Fa. Ernst Weiswange), die Düsennadel wird eine Stufe höher gehängt. Dass das nicht zu fett ist merkt man daran, dass der Motor im kalten Zustand immer noch nicht richtig am Gas hängt und Zündkerze und Auspuff die richtige Farbe haben. Meiner NSU- Lux habe ich damit auch die Kolbenklemmer abgewöhnt. Jetzt ist die Fuhre zumindest auf der Landstraße vollgasfest. Für die Autobahn im Windschatten eines LKW reicht das natürlich immer noch nicht, aber dort gehört so ein Teil auch nicht hin. Und dann springt öfter mal der 4. Gang raus….darüber mehr in dem Beitrag „Sachsmotor 175ccm, Schaltprobleme

Fortsetzung folgt
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52wolfgang
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Re: Mars Stella 175, Restauration und kleine Verbesserungen

Beitrag von 52wolfgang » 21 Dez 2019: 14 19

• Kleine Verbesserungen:
Betreffen Gepäckträger und Seitenständer
Einen Gepäckträger gibt es für diese Maschine mit Sitzbank nicht, ich konnte jedenfalls darüber nichts auftreiben. Aber so ein Teil ist einfach notwendig, irgendeine Kleinigkeit hat man doch sehr oft mitzunehmen. Also habe ich mir halt selbst einen gebaut bzw. zusammengeschweißt. Ich finde, das Teil passt so zum Gerät und hätte auch in Serie so verbaut sein können.
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Der Hauptständer ist mit 4 M8 Schrauben im Alu- Motorgehäuse verschraubt. Beim Aufstellen mit Schwung kommen da erhebliche Kräfte drauf. Mag sein, dass das einer sauber berechnet hat und das auf die Dauer hält. Zweifel sind aber angebracht, bei allen Anderen mir bekannten Maschinen ist der Hauptständer am Rahmen befestigt. Und so ein Seitenständer ist vom Handling her eine elegante Sache. Also habe ich mir einen geschweißt.
Der Zweck heiligt die Mittel: Ein paar alte Schrauben, ein Flach- und Rundeisen, eine passende Feder…fertig.
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Mit einer Drehfeder wäre das eleganter, aber die passende müsste man erst mal haben.
Wie für den Gepäckträger braucht man auch hier ein Schweißgerät und entsprechende Handfertigkeiten. Aber so was gehört bei unserem Hobby meine ich zur Grundausstattung.

Was mir an dieser Maschine noch zu verbessern wäre ist der große Drehwinkel am Gasdrehgriff. Um auf Vollgas zu gehen muss man einmal umgreifen. Die vielen Siege in diversen Geländerennen, die mit dieser Maschine erworben wurden, können nicht mit diesem Gasdrehgriff gefahren worden sein. Dafür gibt es aber bestimmt Lösungen, dazu bin ich aber noch nicht gekommen.

Zusammenfassung:
Bis dato habe ich für dieses Projekt rund 1500€ in Zukaufsteile investiert , mit dem Kaufpreis also 2200€. Teuerstes Teil: Reparatur Sitzbank 387€. Die vielen Arbeitsstunden will ich nicht zählen, das ist Hobby.
Die Maschine ist jetzt eigentlich in einem Zustand, wie sie die folgenden Generationen übernehmen können. Die paar Kilometer, die jetzt jährlich mit der 07-er Nummer zusammenkommen dürften keine größeren Reparaturen mehr verursachen.

Das ist das Schöne an diesem Hobby: Man rettet technisches Kulturgut für die Zukunft. Wenn die Maschine nicht abbrennt wird sie jetzt viele Jahrhunderte überleben, verschrotten wird sie niemand mehr.
Ob meine Söhne (2) oder Enkel (6) sich auch noch (und wenns im Rentenalter ist) zu „Schrauber“ entwickeln ist ungewiss. Um so wichtiger ist es, jetzt alles so herzurichten, dass das Teil lange funktioniert.

Damit komme ich zum Ende meiner Ausführungen.
Ich weiß, dass viele Leser dieser Zeilen vieles anders machen würden.
Für die wenigen Besitzer einer Mars Stella habe ich aber hoffentlich das Eine oder Andere beisteuern können und wenn noch Fragen offen sind, helfe ich gerne.

_hiha
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Re: Mars Stella 175, Restauration und kleine Verbesserungen

Beitrag von _hiha » 31 Jan 2020: 08 24

Schön! :mrgreen:
Gruß
Hans

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